Schulbegleitung im Jugendhof Gotteshütte

 

 

Der Jugendhof Gotteshütte bietet seit ca. 5 Jahren Schulbegleitungen an und hat in dem Zeitraum in über 15 Fällen,  angefangen von der intensiven 1 : 1 Begleitung aller Schulstunden, über die schrittweise Rückführung in die Vollbeschulung, bis zur zeitweisen externen Hausbeschulung, alle Formen praktiziert. Die Schulbegleitungen wurden größtenteils für Grundschüler durchgeführt und zusätzlich zum Besuch einer Tagesgruppe angeboten.

 

Betreut wurden immer Kinder, die über einen sozial-emotionalen Förderbedarf verfügten und die meisten davon auch nach §35a SGB VIII von seelischer Behinderung bedroht waren.

In dem „Konzept für Schulintegration“ des Jugendhofes Gotteshütte wird dementsprechend von fehlender Schulreife als Indikation für eine Schulbegleitung gesprochen, die sich „oft durch einen Mangel an sozialen Erfahrungen, sozialer Kompetenz, Bindung, Beziehung, Begleitung und Bildung ausdrückt.“


 

1. Arbeitsansatz: Beziehung schaffen

 

Ansatzpunkt für die Arbeit einer Schulbegleitung ist die Beziehung zum Kind. Beziehungen entstehen, indem sich zwei Menschen miteinander beschäftigen. Im professionellen, pädagogischen Rahmen heißt das, dass die Schulbegleiter den betreuten Kindern geeignete Angebote zur gemeinsamen Beschäftigung machen, damit sich eine Beziehung bilden kann, die beiden Menschen sich dadurch besser verstehen und beginnen zu mögen.

 

Daraus folgende Arbeitsansätze für den Jugendhof:

  • Je besser die Beziehung zwischen Schulbegleitung und betreutem Kind, desto besser kann das Kind die Begleitung annehmen und Anleitungen, Erklärungen und Anforderungen umsetzen.
  • Deswegen soll sich jede Schulbegleitung, besonders zum Beginn einer Maßnahme, zusammen mit dem zu betreuenden Kind auch außerhalb der Schulzeit mit Schul- und Lernfremdeninhalten beschäftigen.

 

In jeder Schulbegleitung sollten Ressourcen dafür bereitgestellt werden, dass zwischen Schulbegleitung und betreutem Kind möglichst rasch eine Beziehung entstehen kann.

 


 

 

 

 

 

2. Beratung für die Schulbegleitung

 

Das symptomatische Verhalten der Kinder, die von uns in Schulbegleitungen betreut wurden, beinhaltet eine Reihe von Auffälligkeiten, die häufig miteinander auftraten, allerdings immer in unterschiedlicher Gewichtung und Intensität. Es gab Kinder, die sich „wegträumten“, es gab Kinder die „weg liefen“. Manche Kinder verkrochen sich unter dem Tisch, andere fühlten sich ständig angegriffen und zettelten Prügeleien mit Mitschülern an oder wurden den Lehrkräften gegenüber ausfällig und aggressiv. Diese so unterschiedlichen Symptome fordern von der Schulbegleitung ein hohes Maß an Verständnis und Empathie, damit sie hinter dem „schlechten“ Verhalten des „bösen“ Kindes die Hilfsbedürftigkeit des Kindes in Not immer wieder aufs Neue entdecken können. Dies ist eine Grundvoraussetzung dafür, dem betroffenen Kind kontinuierlich wertschätzend und verständnisvoll begegnen zu können damit es seiner negativen Verhaltensspirale entkommen kann.

 

Daraus folgende Arbeitsansätze für den Jugendhof:

  • Eine Schulbegleitung braucht Möglichkeiten zum Austausch und zur Reflektion über ihre Arbeit und Emotionen dem Kind gegenüber, damit sie dem Kind immer wieder unbelastet begegnen kann.
  • Eine Schulbegleitung braucht einen pädagogischen Input im Umgang mit den unterschiedlichen symptomatischen Verhaltensformen und Methoden an die Hand, wie man mit diesen umgehen soll.

In jeder Schulbegleitung werden für die fachliche Beratung der Schulbegleiter Ressourcen bereitgehalten, mit deren Hilfe die Arbeit prozesshaft und zielgerichtet beraten wird.


 

3. Übergeordnetes Ziel: Integration

 

In den allermeisten Fällen der Schulbegleitungen hat das Kind große Schwierigkeiten, sich im Klassenverband zurecht zu finden, es hat keine Freunde unter den Klassenkameraden, niemand möchte mit ihm spielen und oft ist es auch Opfer vom Ausschluss aus dem Unterricht oder den Pausenzeiten. Die Integration der Kinder in den Klassenverband ist ein immer wiederkehrendes Ziel von Schulbegleitung.

 

Daraus folgende Arbeitsansätze für den Jugendhof:

  • Eine Schulbegleitung erstreckt sich sowohl über die Unterrichtszeiten, die Pausenzeiten als auch über die Zeiten kurz vor Schulbeginn und kurz nach Unterrichtsende.
  • Die Schulbegleitung findet besonders in den Pausenzeiten Möglichkeiten dafür, mit dem Kind auszuprobieren und zu besprechen, wie es ihm gelingen kann, mit anderen Kindern zu spielen.

Die Schulbegleitung soll vor allem in den Pausenzeiten Spielkontakte zwischen dem betreuten Kind und Mitschülern schaffen.

 


4. Die Rolle der Schulbegleitung

 

Ist die Rolle einer Schulbegleitung die einer „Hilfslehrkraft“? Ist die Schulbegleitung dafür da, bei akuten Krisen bereit zu stehen und das Kind außerhalb des Unterrichts zu betreuen?

 

Zunächst einmal ist die Schulbegleitung für das Kind da! In der Verantwortung der Schulbegleitung liegt, sich um alle Dinge zu kümmern, damit das Kind konstruktiv am Unterricht teilnehmen kann. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Kinder ihre Bücher und Stifte zur Verfügung haben, dass sie sich besser auf den Unterricht konzentrieren bzw. ihm besser folgen können und besser ihre Anforderungen erfüllen, sondern vor allem auch darum, dass sie sozialen Anschluss an Mitschüler finden und sich ihrer Klasse zugehörig fühlen. Für eine Schulbegleitung bedeutet dies vor allem, dass sie eine eigene Idee von der Wirkung ihrer Arbeit hat, dass sie für eine Profession steht, die nicht allein die Leistung in den Vordergrund stellt, sondern den Wunsch des Kindes, etwas zu lernen und Anerkennung als Mensch zu finden.

 

Allgemeine pädagogische Zielstellungen einer Schulbegleitung sind, die Herstellung von größtmöglicher Selbstständigkeit beim Kind und die individuelle Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes.

 

Die Schulbegleitungen, die der Jugendhof durchführte, sind eigentlich immer von einer sehr großen Krise in der Schule begleitet. Das Kind erschien den Lehrkräften in der Regel als nicht mehr zu beschulen und war latent von Suspendierungen bedroht.

 

Daraus folgende Arbeitsansätze für den Jugendhof:

  • Eine Schulbegleitung ist ein Anwalt des betreuten Kindes in der Schule, sie verfügt über eigene Haltungen, Sichtweisen und Methoden, die sie innerhalb ihrer Arbeit einsetzt.
  • Eine Schulbegleitung sucht nach neuen Wegen aus der Krise in der Schule und berät diese mit den Lehrkräften bzw. probiert sie im Unterricht aus.

Eine Schulbegleitung bekommt Unterstützung und Beratung von pädagogischen Fachkräften darin, neue Wege aus der Krise des Kindes in der Schule zu finden und zu gehen.



 

5. Vernetzung

 

Vom Jugendhof durchgeführte Schulbegleitungen sind gekennzeichnet dadurch, dass die Kinder in der Schule sehr auffällige, symptomatische Verhaltensweisen zeigen. Diese haben unserer Erfahrung nach meistens ihren Ursprung in starken Krisen im Familiensystem des Kindes. Innerhalb solcher Krisen entsteht als Folge davon eine gestörte Kommunikation zwischen der Schule und dem Elternhaus, die oftmals in gegenseitigen Schuldzuweisungen und Verdächtigungen mündet.

 

Daraus folgende Arbeitsansätze für den Jugendhof:

  • Mit allen an der Hilfe beteiligten Personen wird der Austausch gesucht.
  • Alle beteiligten Personen werden über die Arbeit der Schulbegleitung informiert und aufgeklärt.

 

Für einen wirkungsvollen und umfassenden Austausch einer Schulbegleitung mit den Eltern des Kindes sollen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

6. Rahmenbedingungen

 

Um Kinder durch Schulbegleitungen individuell im strukturierten Unterrichtsgeschehen unterstützen zu können, sind eine große Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Schulbegleitung eine nötige Voraussetzung. Ein fachlicher Input, Möglichkeiten zur Reflektion und die Unterstützung durch Fachpersonal fördern und erhalten diese Fähigkeiten.

 

Beziehungen brauchen Kontinuität und Zeit, damit sie entstehen und wirken können.

 

Daraus folgende Arbeitsansätze für den Jugendhof:

  • Schulbegleitungen sind einem Team aus pädagogischen Fachkräften zugeordnet.
  • Schulbegleitungen arbeiten konstant, verlässlich, berechenbar und kontinuierlich und sind im Krankheitsfall aufgrund ihrer Beziehungen zum Kind nicht zu vertreten.

 

Der Jugendhof strebt die Anstellung von Schulbegleitern an und bietet ihnen fachliche Beratung und Kooperation mit pädagogischem Fachpersonal.

 


 

 

7. Fazit und Ausblick

 

Die besten Erfahrungen machte der Jugendhof mit Schulbegleitungen in den Fällen, in denen pädagogische Fachkräfte einer Tagesgruppe die Schulbegleitung durchführten. Gute Erfahrungen machte der Jugendhof in den Fällen, in denen Personen mit Vorkenntnissen gefunden wurden, die die Schulbegleitung eines Kindes übernahmen, welches schon innerhalb einer Tagesgruppe betreut wurde und die sich in einem engen Austausch mit dem Fachpersonal befand.

 

Der gute Verlauf dieser Hilfen lässt sich daraus erklären, dass bereits eine Beziehung zum Kind bestand, bzw. diese relativ leicht hergestellt werden konnte und dass die Beratung und Kooperation zwischen Schulbegleitung und pädagogischem Fachpersonal aufgrund der pädagogischen bzw. therapeutischen Vorkenntnisse der Schulbegleitung sehr gut gelang.

 

In der Realität sind diese Bedingungen nicht immer umzusetzen. Mit Hilfe einer intensiven persönlichen Beratung durch pädagogisches Fachpersonal soll in den Fällen, in denen Personen ohne pädagogische bzw. therapeutische Vorkenntnisse die Schulbegleitung durchführen, die Qualität der Arbeit sichergestellt werden. Anzudenken wäre in diesen Fällen auch, die Ausbildung von angehenden Schulbegleitern mit folgenden Inhalten:

  • Die Vermittlung von systemischen Grundgedanken.
  • Das Besprechen von symptomatischen Verhaltensmustern und deren Entstehung.
  • Die Vermittlung von Methoden und Haltungen im Umgang mit den Kindern.
  • Bei Bedarf, das Kennenlernen von pädagogischen Fachkräften der Tagesgruppen und deren Arbeit.

 

Weiterhin sollten sich in diesen Fällen der erhöhte Beratungsbedarf der Schulbegleitung, der mögliche erhöhte Zeitaufwand zur Bildung einer Beziehung zum Kind und der mögliche erhöhte Zeitaufwand bei den Elterngesprächen in einem erhöhten Stundenumfang für die Schulbegleitung wiederfinden.

 

 

 

Literatur:

Oliver Knuf: Von der Schulbegleitung zum Teilhabemanagement. In: Vera Moser: Die inklusive Schule. Standards für die Umsetzung.

Gabriele Niedermeyer: Die Rolle der Schulbegleiter. In: Pius Thoma, Cornelia Rehle: Inklusive Schule – Leben und Lernen mittendrin.

Jutta Schöler: Alle sind verschieden. Auf dem Weg zur Inklusion in der Schule.

 

 

 

Weblink:

Positionspapier zum Handlungsfeld Schulbegleitung in Thüringen, ibs-thüringen.de

 
Seite drucken  |  nach oben