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Das ökologisch- pädagogische Konzept im Jugendhof Gotteshütte – Von einer idealistischen Theorie zur lebendigen Praxis

 

Marco Leopold, Britta Obernolte, Porta Westfalica

 

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Zukunft. Auch im SGB VIII, § 1, Abs. 3, Nr. 4 heißt es: "Jugendhilfe soll dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familie sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen." Vielleicht aufgrund von mangelndem Verständnis  über die Wechselwirkungen des Menschen mit der Umwelt, der Priorisierung auf Wohlstand und technologischen Fortschritt kommt es zu immer größeren Umweltschäden. War der Einfluss des Menschen vor der Industrialisierung noch örtlich beschränkt, führt der vermehrte Eingriff in natürliche Prozesse seit dem 20. Jahrhundert überregional zur stetigen Veränderung der Umwelt.



 

Theoretische Grundlagen

 

Die Vermüllung der Landschaft, Wassermangel, Grundwassergefährdung, Bodenverschmutzung, Zerstörung von Landschaft und Lebensräumen, Luftverschmutzung, saurer Regen, Ozonloch, Treibhauseffekt, Waldsterben, sind Beispiele für wachsende Umweltprobleme.

Wir gefährden das Recht unserer Kinder und Jugendlichen auf eine Zukunft, in der sie leben werden und es ist unsere Pflicht, ihnen Strukturen zu schaffen und zu erhalten, die eine wirksame Umsetzung der Interessen der zukünftigen Generationen garantieren.

Wie Österreicher schreibt, hat Ökologie in einem weiteren Zusammenhang auch mit Lebensqualität zu tun. Die Zerstörung und Verschmutzung von Naturräumen hat Auswirkungen auf den Menschen. Es ließe sich feststellen, dass die Umwelt Auswirkungen auf die menschliche Psyche habe und Naturerfahrung, Vielfalt von Tieren und Pflanzen sich positiv auf diese  auswirken.

Die meisten Menschen fühlen sich zu Tieren und zur Natur hingezogen. „Der Mensch scheint instinktiv den Kontakt zu einem Lebewesen zu suchen, welches allein durch sein Dasein auf ihn beruhigend, versöhnlich wirkt.“ (Otterstedt, 2001, S. 17). Das Leben im Moment, die Konzentration auf kleinste Lebewesen wie beispielsweise Insekten im Garten lässt die reizüberflutete und medienorientierte Welt, in der wir und auch unsere Kinder und Jugendlichen hauptsächlich leben, in den Hintergrund rücken.

 

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Ziele und pädagogische Praxis

 

Die Bemühungen und das Engagement unserer Kinder und Jugendlichen für ihre Umwelt sowie für ihre Partizipationschancen würden sich ohne unsere Anleitung nicht einfach umstellen.  Daher setzten wir ökologische Kernaspekte in den Fokus unserer pädagogischen Interventionen im Jugendhof Gotteshütte.

Im November 2013 entwickelte sich während einer Leitungsklausur unter diesen Vorstellungen und Ideen das pädagogisch-ökologische Konzept im Jugendhof Gotteshütte. Nun war der Weg von der Theorie zur Praxis geöffnet. Unsere Ideen waren idealistisch: gesundes Essen, Umgestaltung des Geländes, Freizeitaktivitäten ohne Konsum, Heranführung an die Natur und ein bewusster Umgang mit erneuerbaren Energien.

 



 

So formulierten wir folgende Zielstellungen:

  • Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, wo sie die Verantwortung für ihr Handeln in der und mit der Natur beziehungsweise Umwelt übernehmen können und wie sie sich als wichtigen Teil dieses Gesamtsystems verstehen und einbringen können.
  • Wir wollen mit Hilfe der Natur neue Zugänge zu den Kindern und Jugendlichen aufbauen und Natur als pädagogisch verwertbares Instrument begreifen.
  • Wir möchten eine Grundlage für ökologisch sinnvolles Handeln, Verhalten und Entscheiden legen.
  • Wir möchten anhand praktischer Erfahrung Wissen über die Natur und über ökologische Zusammenhänge vermitteln.
  • Die Kinder und Jugendlichen sollen Einsicht gewinnen in das Verhältnis der Menschheit zur Natur.
  • Wir wollen das Interesse und die Freude an der Natur wecken.
  • Wir werden Grenzen und daraus abzuleitende Notwendigkeiten anthropogener Eingriffe im Wechselwirkungsgefüge aufzeigen.
  • Wir möchten den Kindern und Jugendlichen einen Lebensraum schaffen, in dem sie Natur entdecken, begreifen und schützen können.

 

Als Nächstes musste die Frage beantwortet werden, wie die Leitung des Jugendhofes Gotteshütte ihre theoretischen Gedanken in die Praxis transferiert und Mitarbeiter/innen, Kinder und Jugendliche aktiviert. Aber wie überzeugen wir Kinder und besonders Jugendliche, dass der Waldspaziergang in der Hirschbrunft genauso spannend ist, wie der Besuch eines Freizeitparkes? Wie binden wir Kinder und Jugendliche ein, dass sie ihren Nutzen erkennen und aktiv mitarbeiten, ohne sie theoretisch zu langweilen?

Erst an diesem Punkt wurde deutlich, welchen hohen Anspruch wir uns stellten, dass eine Umsetzung des Konzeptes Jahre dauern würde und wir auf jeden Schritt, den wir gehen, stolz sein könnten.

Jeder Bereich des Jugendhofes Gotteshütte – von der ambulanten Familienhilfe bis zur stationären Intensivbetreuung – sollte sich nun der Aufgabe stellen und festlegen, wo sie ihre ersten Schritte mit den Kindern und Jugendlichen planen.

Es entstanden verschiedene Unterkonzepte zum idealistischen Gesamtkonzept, die sich stark auf die Umsetzung im Alltag konzentrieren, an dieser Stelle wurden auch die Kinder und Jugendlichen involviert.

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Die Öko-Tage

Nur weil jeder Bereich sein eigenes ökologisch-pädagogisches Konzept vorhält, war eine Veränderung in praktischer Umsetzung noch nicht zu erkennen. So führten wir gruppenübergreifend „Öko-Tage“ ein, an denen gemeinsam das Gelände des Jugendhofes Gotteshütte aufgeräumt wurde, Beete angelegt werden und der Naturraum mit kleinen Angeboten erkundet wird. Diese Öko-Tage  finden rund fünf bis sechs Mal jährlich an einem Nachmittag statt und sind mittlerweile zu einem festen Bestandteil der Gesamteinrichtung geworden und werden von den Kindern und Jugendlichen und ihren Pädagogen/innen mit großem Engagement angenommen. Hier entstehen Beete, wo eigenes Gemüse anbaut wird, sowie Kräuterspiralen und Insektenhotels. Das gemeinsame Tun verbindet auch die Häuser untereinander. Gebührend gefeiert werden diese Aktivitäten meist mit Aktionen am Lagerfeuer, wo wir Stockbrot backen oder Marshmallows grillen. 

 



 

„Für mich ist dieser Tag was Besonderes, weil ich einfach finde, dass einfach jeder für die Umwelt was tun muss.“
Julian Trappmann (Jugendlicher aus einer Wohngruppe)

 

Hierüber wurde deutlich, dass die Pädagogen und ihre Kinder und Jugendlichen sich dann auf den Weg machen, wenn ein direkter Nutzen entsteht. Die idealistischen Vorhaben lassen sich nicht einfach weiter tragen. So führten wir jährliche Gewinnaktionen ein, in denen sich die einzelnen Bereiche Themenstellungen vornahmen und diese zur Umsetzung bracen. Dies wird durch einen direkten Gewinn, wie etwa ein Extrabudget für die Gruppenkasse, entlohnt. Hier entstand beispielsweise auch ein Rap-Song, den Lars Schneider und seine Gruppe geschrieben haben und der unter www.youtube.com zu finden ist. Damit war das Konzept, mit seinen Werten und Ideen im Gespräch und auch bei den Kindern und Jugendlichen angekommen.


 

Die „MuseobilBOX“

 

Die „MuseobilBOX“ ist ein Projekt des Bundesverbandes Museumspädagogik e.V. im Rahmen des Förderprogrammes „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in den Jahren 2013 bis 2017 und bietet als Rahmenkonzept Museen bundesweit die Möglichkeit, bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche zwischen drei und 16 Jahren in ihrer kulturellen Entwicklung zu fördern. Susanne Riedmayer, Museumspädagogin des Bergwerksmuseum Kleinenbremen, entwickelte auf dieser Grundlage die Idee, einen Bergmannsgarten anzulegen. Als Kooperationspartner fand sie den Jugendhof Gotteshütte und den Siedlerbund Kleinenbremen-Wülpke. Weiterhin gewann sie Jan Borchert vom Umwelthof Minden-Lübbecke, der dieses Projekt tatkräftig mit Motorsäge und anderen Gerätschaften unterstützt. Ziel ist es, einen Garten, der einem Bergmannsgarten aus den 1950er Jahren nachempfunden ist, hinter dem Gebäude des Besucherbergwerkes anzulegen und zu zeigen, wie die Selbstversorgung der Bergarbeiter funktionierte.


Um das Engagement der Kinder und Jugendlichen für ihre Umwelt und ihre Partizipationschancen auch nachhaltig zu aktivieren, werden wir noch einen langen Weg gehen müssen, doch jeder Schritt wird von uns als zielführend erlebt.

 


 

Strukturelles ökologisches Engagement

Blockheizkraftwerke

Aber auch die Einrichtung selbst ist es, die etwas zur Erhaltung der Umwelt beitragen kann. So erhält der Jugendhof Gotteshütte seit Ende Februar 2013 klimaschonend erzeugte Wärme. Dafür sorgen zwei  kompakte Blockheizkraftwerke (BHKW), die von der Energieservice Westfalen Weser GmbH installiert wurden. Es unterstützt die vorhandene Heizkesselanlage. Durch die hochmoderne Wärmeversorgungstechnik werden die Wohn- Schul- und Verwaltungsgebäude nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch wirtschaftlicher. Die kleinen Blockheizkraftwerke erzeugen durch Kraft-Wärme-Kopplung mit einem extrem hohen Wirkungsgrad gleichzeitig Strom und Wärme. Das spart Energie und Kosten.

Fuhrparkkonzept

Um unsere Fahrzeuge ökologisch und wirtschaftlich besser einsetzen zu können, entstand 2014 ein Fuhrparkkonzept. Kleinere Touren und Doppeltouren sollen hier vermieden werden und zu einer Entlastung der Umwelt beitragen. Die Gruppen selbst sind angehalten zu prüfen, ob eine Fahrt mit dem Auto notwendig ist oder durch eine Fahrradtour ersetzbar wird.


 

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Resümee

Abschließend ist herauszustellen, dass der Weg zu unseren Zielvorstellungen des ökologisch-pädagogischen Konzeptes zwar lang ist, sich jedoch jeder Schritt in diese Richtung als lohnenswert herausstellt. Wichtig ist es, diese Schritte zu erkennen und sie positiv herauszustellen.

Wir möchten den Kindern und Jugendlichen einen Lebensraum schaffen, wo sie Natur entdecken, begreifen und schützen können. Daher haben wir 2014 eine Anfrage an die Universität Hannover gestellt, die uns bei der Umgestaltung des Kernheimgeländes unterstützen sollte. Hier steht die Zusammenarbeit noch aus.

Die Kinder und Jugendlichen des Jugendhofes Gotteshütte haben den Umweltschutzkontext kennengelernt und eine Idee für ihre zukünftige Umwelt entwickelt. Damit gehen sie ihre ersten Schritte in eine umweltgerechte Haltung. Wir verabschieden uns nicht von unseren idealtypischen Zielvorstellungen, sondern nutzen diese, um unser Ziel im Blick zu behalten.



 

Literatur

Gandert, Robert (2014): Naturerfahrung in der Umweltpädagogik, Hamburg, Diplomica Verlag GmbH, Bachelor + Master Publishing

Münder , Johannes; Meysen, Thomas: 7 Aufl. Frankfurter Kommentar SGB VIII: Kinder- und Jugendhilfe

Österreicher, Herbert (2010): Basiswissen Natur- und Umweltpädagogik, Troisdorf, Bildungsverlag EINS

Österreicher, Herbert (2014):  Natur- und Umweltpädagogik, Troisdorf, Bildungsverlag EINS

Otterstedt, Carola (2001): Menschen brauchen Tiere: Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie, Kosmos Verlag, Stuttgart

Otterstedt, Carola (2001): Tiere als therapeutische Begleiter: Gesundheit und Lebensfreude durch Tiere - eine praktische Anleitung, Kosmos Verlag, Stuttgart

 
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