Vom „Rettungshaus Gotteshütte“ zum „Jugendhof Gotteshütte“

 

1853

Die „Gotteshütte“ in Kleinenbremen wurde von den Gemeindemitgliedern des Kirchenkreises Minden als christliches Rettungshaus für „verwahrloste“ Kinder bis zum Konfirmationsalter gegründet.

1861

wurden der Gotteshütte durch königliche Verfügung Körperschaftsrechte verliehen, und

1929

erkannte der preußische Finanzminister die „Gotteshütte“ als Milde Stiftung an.

1935

– erstmals in der Satzung – wurde später aus dem „Rettungshaus“ das Erziehungsheim „Gotteshütte“.

1979

Die „Gotteshütte“ ist als Evangelische Stiftung anerkannt, die als privatrechtlicher Träger der Einrichtung in ihrer Beziehung den ursprünglichen Namen tradiert.

Wie die etwas früher gegründeten Häuser "Pollertshof" (1851) und "Schildesche" (1852) war auch die "Gotteshütte" eine Frucht der Minden-Ravensberger Erweckungsbewegung, von deren Rettungshäusern sie als einziges überlebte. Diese, vor allem in den bäuerlichen Landgemeinden Ostwestfalens, tiefgreifende evangelische Glaubensbewegung verstand sich als Erneuerung kirchlichen Lebens und christlichen Geistes.

Ihre Entstehung und Ausbreitung zur lange Zeit vorherrschenden Form protestantischer Religiosität stand in engem Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen und sozialen Wandel besonders in der ländlichen Gesellschaft und den einhergehenden Krisen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Bevölkerungszunahme, Massenarmut, Arbeitslosigkeit und wachsende soziale Ungleichheit.

 

1852-1872

Seinerzeit entwickelten sich zahlreiche Aktivitäten Innerer Mission (Diakonie), um der Not breiter Bevölkerungsschichten zu begegnen. Namentlich das soziale Elend der Kinder, die, häufig sich selbst überlassen, scharenweise bettelnd über Land zogen, Straftaten begingen, verurteilt und inhaftiert wurden, begriffen tatkräftige Gemeindemitglieder als Ausdruck einer vor allem auch geistlichen Armut und Herausforderung christlichen Handelns. An die Stelle strafender Obrigkeit sollte missionarische Erziehung treten, statt Abschiebung, z.B. in "Korrektionsanstalten", auf Schiffe oder zum Militär, erschien seelsorgerliche Begleitung und Zuwendung vonnöten, an die Stelle des "Gesetzes" als Erziehungsprinzip der Strafanstalten (nahezu jeder dritte Strafgefangene in Preußen um 1850 war ein Kind unter 16 Jahren) sollte die "Gnade" als Prinzip christlicher "Rettungs“-Anstalten treten. *) Im Zuge dieser Bewegung, die in der Folgezeit zu einem regional einzigartig dichten Auf- und Ausbau großer diakonischer Werke führte, wurde die "Gotteshütte" am 18.10.1853 von dem Jöllenbecker Pastor Volkening eingeweiht. Vier Bauern (Kalone) hatten für 680 Taler privat das verlassene Anwesen eines Amerika-Auswanderers, den Hof Wülpke Nr. 7 gekauft, um darin ein "Knaben-Rettungshaus" einzurichten. Als Planer und Betreiber der Gründungsvorbereitungen wird Pfarrer Gößling betrachtet, seinerzeit Pastor in Kleinenbremen und Vorsitzender des Stiftungsvorstandes bis 1872. Näheres ist jedoch nicht überliefert.

 

Christoph Schäfer, ein ehemaliger Helfer des St. Petri Stifts in Höxter, hielt als erster Hausvater, dem im Konzept des Rettungshauses entscheidende Bedeutung zukam, mit drei Jungen Einzug. Leider erwies er sich als völlig ungeeignet und brachte das hoffnungsvoll begonnene, wenngleich unzureichend vorbereitete, Projekt alsbald in öffentlichen Verruf. Auch der nach seiner Entlassung 1854 eingestellte Lehrer Krausbauer erfüllte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht. Als ihm nach jahrelang vertuschten skandalösen Vorkommnissen 1859 endlich gekündigt wurde, hinterließ er eine "verwahrloste Anstalt, in der Willkür und Zuchtlosigkeit herrschten", wie es in einem Brief aus dieser Zeit an Johann Hinrich Wichern, den Pionier der Inneren Mission im 19. Jahrhundert, heißt.

Die Zahl der betreuten Kinder war unterdessen schon im ersten Jahr nach der Gründung des Hauses auf 27 gestiegen. Die Versorgung wurde aus eigener landwirtschaftlicher Produktion, Spendenmitteln und Krediten sichergestellt. Vorstands- und Gemeindemitglieder betätigten sich unermüdlich als "Kollektengänger" und brachten stattliche Erträge zusammen. Dennoch wuchs die Schuldenlast, und neben die personellen und konzeptionellen Probleme der Einrichtung traten auch noch wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Erst 1859 ging es nach vielen Rückschlägen in der "Gotteshütte" aufwärts. In Franz Carl Lichtwark wurde endlich ein Hausvater gefunden, der diesen Namen verdiente. Lichtwark gehörte zum Rauhen Haus in Hamburg, einer von Wichern gegründeten Anstalt der Inneren Mission, in dessen Auftrag er nach Kleinenbremen ging. Als Rettungshausleiter in Siebehufen bei Görlitz hatte Lichtwark bereits pädagogische Erfahrungen sammeln können, die der "Gotteshütte" nun zugutekamen. Er übernahm das Wichern`sche Familienprinzip, teilte die Kinder in Gruppen auf, denen jeweils ein älterer "Helfer" zugeordnet wurde, und legte dem Tageslauf einen detaillierten Stundenplan zugrunde. Während seiner neunjährigen Tätigkeit, die vor allem in erzieherischer Hinsicht für die "Gotteshütte" eine Wende zum Besseren bedeutete, geriet Lichtwark jedoch mehr und mehr in Widerspruch zum Vorstand der Anstalt, dem "Comitß". Als orthodoxer Lutheraner hatte er der Erweckungsfrömmigkeit der Stiftungsgründer von Anfang an distanziert gegenübergestanden. Die sich entwickelnden Differenzen eskalierten, als Lichtwark 1868 anlässlich einer vom Vorstand angeordneten Überprüfung des "christlichen Lebens" im Rettungshaus mit den Kindern kniend beten sollte. Er schrieb empört an Wichern: "Die Kinder in der Anstalt sollen per Gewalt bekehrt werden!

Das sich Gott erbarme!" Wichern kündigte im selben Jahr den Vertrag des Hausvaters mit der „Gotteshütte" und versetzte seinen Schützling nach Lübeck.

Mit Lichtwarks Nachfolger, dem Lehrer Kuhlmann, begann eine Periode personeller Kontinuität und wirtschaftlicher Stabilisierung. Zugleich wurde die Rettungshausarbeit im Sinne des ursprünglichen erweckungsdiakonischen Geistes geprägt. Bibelworte an den Häuserfronten, zum Teil heute noch erhalten, brachten das Erziehungsziel sichtbar und programmatisch zum Ausdruck. Die nach dem Tode des Anstaltsgründers Gößling mit der Leitung der Stiftung betrauten Pastoren, Keßler und Strathmann sen., schufen die wesentlichen Grundlagen für Ausbau und Fortbestand der "Gotteshütte". Organisierte Kollekten in Westfalen und Hessen sorgten für weitgehende finanzielle Unabhängigkeit vom Staat und ermöglichten es, den Grundbesitz erheblich zu vergrößern und die Schuldenlast abzutragen. Nachdem die Entscheidung gefallen war, zukünftig auch weibliche Kinder aufzunehmen, wurde 1887 ein Mädchenhaus eingeweiht; zwei Jahre später konnten auch die Knaben ein neues Haus beziehen.

 

1897

Mit den "Hauseltern" Klein berief der Vorstand unter Schulrat Kindermann 1897 Diakone der Anstalt Nazareth-Bethel, die nach der kurzen Amtszeit des nach schwerer Krankheit verstorbenen Vorgängers Paland eine zweite Phase personeller Beständigkeit einleiteten. Hausvater Klein, anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums

 

1922

mit dem Titel "Inspektor" geehrt und später zum "Oberinspektor" befördert, leitete bis zu seinem Ruhestand 1928 das Heim und blieb als Verwaltungsratsmitglied noch mehrere Jahre im Dienste der Anstalt. Er erlebte Blütezeiten und Existenzkrisen der "Gotteshütte".

 

1900

Als Folge des Fürsorgeerziehungsgesetzes von 1900 war nach vorübergehend stark rückläufiger Belegung die Zahl der Kinder auf 150 gestiegen. Die dadurch gesicherten regelmäßigen Einnahmen von staatlicher Seite, aber auch die fortgesetzten Spendenaktionen wurden von der Anstaltsleitung dazu verwendet, den Grundbesitz und Gebäudestand weiter auszubauen: Zwischen 1901 und 1904 wurde das Mädchenhaus erweitert um einen Wirtschafts- und Dienstwohnungstrakt; ein Verbindungsbau von Mädchen- und Knabenhaus diente fortan als Schulgebäude, ein zusätzliches Knabenhaus wurde gebaut und der ans Grundstück grenzende Hof der Familie Boeke erworben; Waschküche, Badestube, Lehrerwohnung, Wasserleitung, Schwimmbecken, Stromversorgung und Zentralheizung wurden errichtet. Mehr und mehr Kinder vermittelte man in auswärtige Familien und zur Lehre in Handwerksbetriebe. Als der Schweichelner Pfarrer Siebold 1911 den Stiftungsvorsitz übernahm, war aus dem einstigen "Knaben-Rettungshaus" längst ein umfangreicher Heimkomplex geworden.

 

Die Kriegs- und Nachkriegsjahre waren naturgemäß von Notlagen gekennzeichnet. Bei völliger Überbelegung von 200 Kindern waren Arbeitskräftemangel und Versorgungsprobleme zu bewältigen, so dass der Anstaltsbetrieb fast zusammenbrach. Spenden deutscher Amerika-Auswanderer linderten die Not, und auch die Währungsreform trug zu einer vorübergehenden Besserung der Lage bei. Dann aber, bedingt durch leere öffentliche Kassen und das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1924, das die Zuweisung von Fürsorgezöglingen drastisch einschränkte und staatliche Heime favorisierte, schien das Schicksal der "Gotteshütte" wie das anderer konfessioneller Rettungsanstalten besiegelt. 1928 befanden sich zuletzt nur noch 60 Kinder im Heim, 1930 zeitweilig nur 40.

 

1910

Mit Einfallsreichtum und Anpassungsfähigkeit versuchte die Anstaltsleitung, seit 1921 unter Vorsitz von Pfarrer Strathmann jun., die Krise zu überwinden. Angesichts der stark rückläufigen Belegung entschloss man sich, eine Haushaltungsschule für weibliche Kriegswaisen und eine Taubstummen-Abteilung zu gründen, um neue Zielgruppen zu gewinnen. Von der Fürstlichen Hofkammer pachtete man ein Forsthaus an, um eine Fremdenpension einzurichten, und auf den Freiflächen des Heimes wurde eine Hühnerfarm angelegt. Die Erlöse dieser neuerrichteten Nebenbetriebe vermochten allerdings die desolate Lage nicht nachhaltig zu verbessern. Erst die Bereitstellung umfangreicher Kredite durch die Stadtsparkasse Bückeburg brachte im wirtschaftlichen Bereich die dringend benötigte Entlastung.

 

1932

entschloss sich der Verwaltungsrat, für die zukünftige Leitungs- und Erziehungsarbeit in der Einrichtung Diakonissen zu gewinnen. Nach Verhandlungen mit dem Henrietten-Stift Hannover übernahm 1933 Schwester Mathilde Mirow das Amt der Hausmutter und leitenden Schwester. Hausvater Nolte - langjähriger Gehilfe von Oberinspektor Klein und nach dessen Ruhestand vorübergehend mit der Heimleitung beauftragt - blieb in Diensten der "Gotteshütte" und zuständig für Büro und auswärtige Zöglinge.

 

1938

Leider hatten es die Schwestern trotz ermutigender Anfangserfolge in der Arbeit mit den Kindern alsbald mit personellen Problemen in der Einrichtung und Differenzen mit dem amtierenden Vorstand zu tun, die schließlich zu dessen Rücktritt führten. 1934 wurde Pastor Heidkämper, schon seit 1910 Mitglied des Verwaltungsrats und lange Zeit Schatzmeister, zum neuen Vorsitzenden gewählt. Unter seiner weisen Führung konsolidierten sich die Verhältnisse wieder. Dank unermüdlichem Engagement und sparsamster Wirtschaftsführung der Diakonissen, denen die neueingerichtete Rechnungslegung für das Heim übertragen worden war, entwickelte sich die "Gotteshütte" abermals schrittweise aufwärts. In finanzieller Hinsicht trug hierzu auch ein vom Landeshauptmann in Münster bewilligter Zuschuss bei.

 

1939

wurde das Heim der betont konfessionellen Ausrichtung wegen von Übergriffen der Nationalsozialisten bedroht. Wie andere Heime musste auch die "Gotteshütte" damit rechnen, geschlossen oder in die "Nationalsozialistische Volkswohlfahrt" überführt zu werden. Hierzu kam es mit Ausbruch des Krieges nicht mehr, zumal sich trotz kritischer Verfolgung, von der auch die "Gotteshütte" nicht verschont blieb, die Erkenntnis durchgesetzt zu haben schien, auf die konfessionellen Heime nicht völlig verzichten zu können.

Allerdings zwang man die Einrichtung, die älteren Jungen in staatliche Heime abzugeben, so dass sich die Erziehungsarbeit längere Zeit auf Mädchen und jüngere Knaben konzentrierte. Die Zahl der Betreuten wuchs jedoch stetig an und erlaubte eine völlige wirtschaftliche Gesundung. Ungeachtet aller zeitweiligen Versorgungsschwierigkeiten und unruhiger Nächte in Luftschutzkellern, blieben Beschwernisse, wie sie der 1. Weltkrieg und die Folgezeit mit sich gebracht hatten, weitgehend aus. 1943 konnte dank der gestiegenen Einnahmen die seinerzeit letzte Hypothek getilgt werden. Kurz zuvor war die bisherige Lehrerwohnung zum Gruppenhaus für schulentlassene Mädchen umfunktioniert und zum 90. Jahresfest auf den Namen Fliednerhaus getauft worden; auch die übrigen Wohnhäuser erhielten an diesem Tage ihren, zum Teil noch heute verwendeten, Namen (Pestalozzi-/Fröbel-/Wichernhaus).

 

1945

Am 07. April 1945 zogen die Amerikaner kämpfend in Kleinenbremen ein. Glücklicherweise zeigten die Besatzungstruppen Verständnis für die Arbeit des Heimes; außer einer kurzfristigen Besetzung des Fliednerhauses kam es zu keinen Requisitionen. Nach den Wirren des Krieges wurde für einige Schwestern und Alte die "Gotteshütte" Zuflucht. Die ersten Nachkriegsjahre standen im Zeichen knapper Mittel und strengster Sparsamkeit; dennoch konnte allmählich manches gebaut, verbessert und ersetzt werden. Eine im Kriege zwangsweise auf dem Gelände errichtete Baracke wurde zum "Oberlinhaus" für 20 Schulmädchen und zu kleinen Wohnungen für Flüchtlingsfamilien.

 

1947

Der langjährige Vorsitzende Heidkämper hatte 1947 sein Amt aus Gesundheitsgründen abgegeben an den Bischof von Schlesien, Zänker, der für einige Jahre in Minden weilte. Nach seiner Rückkehr übernahm Pastor Glüer, Ortspfarrer von Dankersen, den Vorsitz. Auch ein Wechsel in der Heimleitung zeichnete sich ab: Im Jahre der 100. Wiederkehr des Gründungstages des "Rettungshauses" trat Schwester Mathilde Mirow in den verdienten Ruhestand. Ihre Nachfolgerin, Hausmutter Klara Stöcker, war zugleich die letzte Diakonisse, die leitend in der "Gotteshütte" tätig war. Unter Würdigung des jahrelang segensreichen Einflusses, den die Damen in Leitung und Erziehung ausgeübt hatten, bemühte sich der Vorstand unter Pastor Stamm, Ortspfarrer Kleinenbremens, zwar um eine geeignete Nachfolgerin; die Versuche blieben jedoch vergeblich. Durch Vermittlung des Stephan-Stifts Hannover konnte schließlich ein Diakonen-Ehepaar für die Arbeit in der "Gotteshütte" gewonnen werden.

1959

Helmuth Thümmel trat 1959 seinen Dienst als Heimleiter und Hausvater an. Seiner Frau kam die Aufgabe der Hausmutter und Wirtschaftsleiterin zu. Diese Rollenverteilung wurde in der Nachfolge auch durch den Sozialarbeiter Wieland und dessen Frau wahrgenommen. Wenngleich aus sie noch auf dem Heimgelände wohnten, endete im Grunde schon mit dem Ruhestand Diakon Thümmels 1975 die lange Tradition der Hausväter und -mütter. Der soziale Wandel, der auch im Arbeitsfeld der traditionellen Erziehungsheime mit zunehmender Professionalisierung einherging, förderte die Entwicklung dezentraler Verantwortungs- und teamorientierter Leitungsstrukturen. Wohn- und Lebensgemeinschaften von Kindern und Erwachsenen im Rahmen der Heimerziehung behielten dessen ungeachtet ihre Bedeutung.

 

 


 

 

Blicken wir noch einmal zurück.

 

In den sechziger und siebziger Jahren unternahmen der Vorstand (seit 1965 unter Vorsitz von Pastor Ritterbusch, danach Pastor Seele) und die Heimleitung verstärkte Anstrengungen, den Anforderungen an eine sich unter dem Einfluss des Jugendwohlfahrtsgesetzes von 1961 entwickelte Erziehungshilfe mit pädagogischer und betriebswirtschaftlicher Fachlichkeit zu begegnen. So fallen in diese Zeit umfangreiche Bau- und Umbaumaßnahmen (4 neue Gruppenhäuser [1970], Lehrschwimmbecken [1973], Turnhalle [1974], eine Verringerung der Gruppengröße von 24 auf 16, 14 und später 12 (heute 9), Reduzierung der Klassenfrequenzen, Verbesserung des Personalschlüssels, Anpassung der arbeitsrechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen an jene des öffentlichen Dienstes (Anwendung des Bundesangestelltentarifs seit 1. Oktober 1962) und erste Gründung von Außenwohngruppen (1975/1976).

Gebäude und Gelände der "Gotteshütte" erhielten ihre weitgehend bis heute gültige äußere Gestalt. Infolge angestiegenen Durchschnittsalters der aufgenommenen jungen Menschen verlagerte sich die Erziehungsarbeit mehr und mehr von der Kinder- zur Jugendhilfe. Anfang der achtziger Jahre erlebte das Heim, inzwischen Jugendhof genannt, aufgrund von Geburtenrückgang, dem Ausbau ambulanter Dienste und öffentlicher Finanznot einen Strukturwandel bedingt durch den allgemein rückläufigen Bedarf an Heimunterbringungen. Dieser Strukturwandel war gekennzeichnet vom beschleunigten Wandel der "Gotteshütte" von einer zentral bewirtschafteten "Erziehungsanstalt" zu einem Verbund teilautonomer Wohngruppen und Betreuungseinheiten mit unterschiedlichen erzieherischen Schwerpunkten. Ab den neunziger Jahren führte die Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetztes (KJHG) als modernes Leistungsgesetz zu einer Stabilisierung der stationären Erziehungshilfeangebote bei gleichzeitigem Ausbau der ambulanten Hilfen. Begriffe wie Qualitätsmanagement, prospektive Entgeltsätze und Leistungsbeschreibungen bestimmten das alltägliche Leitungsgeschäft und stellten die Weichen zu einer flexiblen sozialpädagogischen Einrichtung. Die lange und wechselvolle Geschichte belegt, dass der Jugendhof letztendlich immer, auch in Zeiten rückläufiger ökonomischer Ressourcen, flexibel und innovativ agiert und im Bewusstsein auf seinen historischen Auftrag weiter besteht.

 
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