Familienaktivierende Methoden und Haltungen

in stationären und teilstationären Settings

 

Die Methoden der Familienaktivierung und Krisenintervention im ambulanten Setting sind erfolgreich erprobt und finden auch in den sozialpädagogischen Hilfestellungen immer mehr Präsenz. Wieso sollte also diese erfolgreiche Haltung nicht auch in der stationären oder teilstationären Jugendhilfe zu mehr Qualität und Erfolg führen? Der Jugendhof Gotteshütte hat sich auf den Weg gemacht diese Methoden und vor allem ihre Haltungen in die stationäre und teilstationäre Arbeit mit einfließen zu lassen. Im Folgenden soll auf die Kernpunkte dieser Prozesse eingegangen werden.

 


 

Aufnahmeprozess und Passung der Maßnahme

 

Die Aufnahme erfolgt nach telefonischer Anfrage durch das Jugendamt oder innerhalb der Einrichtung (geplanter Wechsel aus Wohngruppen), sowie der Durchführung des Vorstellungsgespräches unter Beteiligung der Kinder und Jugendlichen, der Herkunftsfamilie und dem fallführenden Jugendamt. Hier werden die Problemschilderungen aller Beteiligten beschrieben und nach Ausnahmen gefragt. Nach Möglichkeit wird eine erste Arbeitshypothese erfasst und erste Vereinbarungen bezüglich der Aufnahme getroffen. Das Aufnahmeverfahren wird durch die Einrichtung dokumentiert.

Der erste Arbeitsauftrag einer jeden Aufnahme umfasst die Passung der Maßnahme. „Passung“ bedeutet für die Einrichtung anhand einer Diagnostik eine bewusste Entscheidung zu treffen, ob das Konzept mit seinen Mitarbeitern, Kindern und Jugendlichen passend zu den Problemlagen, Ressourcen und Bedürfnissen des Kindes/Jugendlichen und seiner Familie ist. Anhand einer Diagnostik wird der Blick auf die Ressourcen und die Symptomatik des Kindes/Jugendlichen gelegt, um die Familie und den jungen Menschen zu verstehen und diesen gerecht zu werden. Hier wird mit den Eltern intensiv an der Familienbiografie und der Entwicklungsgeschichte des Kindes/Jugendlichen mit den Sorgeberechtigten gearbeitet, um Erklärungen für die Symptomatik zu finden und das Verhalten besser verstehen zu lernen.

Abgeschlossen wird dieser Prozess durch eine Einführende Erziehungsplanung unter Beteiligung der Teammitglieder, der Eltern, des jungen Menschen und einem Diplom Psychologen. Hier werden die Ergebnisse der Diagnostik beleuchtet und das Hilfeplanungsverfahren vorbereitet. Der Psychologe erstellt eine entwicklungspsychologische Lebenslaufanalyse, Problemanalyse (Hypothese) und eine Beziehungsanalyse. Im Anschluss erfolgt ein Hilfeplanungsgespräch unter Beteiligung des jungen Menschen, der Eltern, des Teamleiters, des Bezugserziehers, des Jugendamtes und des Bereichsleiters. Hier sollten weitere Schritte und Arbeitsaufträge festgelegt werden.

Im Verlauf der Maßnahme werden die Ergebnisse im Rahmen einer Fortführenden Erziehungsplanung überprüft und neue Schritte eingeleitet. Die regelmäßige Hilfeplanung setzt veränderte Arbeitsaufträge und plant die Hilfe bis zu seiner Beendigung.

Eltern“arbeit“ in stationären Prozessen

 

Wir messen der Arbeit mit der Herkunftsfamilie in stationären Settings eine große Bedeutung zu. Die Herkunftsfamilie bleibt ein relevantes Bezugssystem, sei es real oder sei es in den Vorstellungen, Fantasien und Prägungen des Kindes/Jugendlichen. Die Eltern- und Familienarbeit sucht einen aktiven Umgang mit dieser Erkenntnis und blendet Eltern nicht aus. Wir setzen grundsätzlich voraus, dass alle Eltern zunächst das Beste für ihre Kinder/Jugendlichen möchten. Wir gehen davon aus, dass Familien in der Regel alle Möglichkeiten besitzen, ihre Lebenssituation zu verbessern und es Gründe gibt, die dieses verhindern. Ihr Verhalten macht im Kontext Sinn und möchte von uns erforscht und verstanden werden. Auch nach der Aufnahme in der Wohngruppe bleiben die Eltern ein wichtiger Bestandteil der Gefühlswelt von Kindern und Jugendlichen. Durch intensive Elternarbeit wird den Eltern eine kontinuierliche Beteiligung an der Erziehung und Beziehung ihrer Kinder angeboten. Regelmäßiger Kontakt, möglichst in dem Ort der Wohngruppe wird ausdrücklich erwünscht. Dies soll dem Loyalitätskonflikt der Kinder/Jugendlichen ihren Eltern gegenüber entgegenwirken.

 

In einem Pilotprojekt haben wir mit den Eltern, den Pädagogen, der Bereichs- und Heimleitung der Kinder- und Jugendwohngruppe Am Mühlenbach in einer Werkstatt das Thema Eltern“arbeit“ in der stationären Wohngruppe thematisiert und einen Rahmen geschaffen, wo die Eltern aktiv am Leben ihrer Kinder teilhaben können.

Verabredet wurde, dass neben den Beurlaubungen nach Hause alle Eltern das Recht haben ihr Kind in seiner Wohngruppe zu besuchen. Die Eltern können nach telefonischer Absprache ein bis zweimal monatlich ihr Kind besuchen und am Alltag der Wohngruppe teilhaben. Gerne können Eltern alltägliche Aufgaben in diesem Rahmen für ihr Kind wahrnehmen. Zusätzlich haben Eltern und Pädagogen geplant im vierteljährlichen Rhythmus eine gemeinsame Aktion zu planen. Hier sollen sowohl Eltern, als auch Pädagogen die Planung und Einladung übernehmen. Zur Organisation werden allen Eltern Listen mit Telefonnummern ausgehändigt. Selbstverständlich werden die Eltern über alle positiven Erlebnisse und die Lernaufgaben ihrer Kinder/Jugendlichen wöchentlich informiert. Alle Berichte, Zeugnisse oder interne Dokumentationen werden den Eltern zugänglich gemacht und ggf. in dessen Entstehung aktiv miteingebunden. Die Eltern werden in alle Thematiken rund um das Thema Schule mit eingebunden. Elternsprechtage und auch Schulausflüge dürfen und sollten von den Eltern begleitet werden. Besondere Vorkommnisse werden den Eltern umgehend gemeldet. So stellt sich auch jede(r) neue MitarbeiterIn und auch PraktikantenInnen durch einen Steckbrief den Eltern vor. Einmal im Monat findet ein persönliches Elterngespräch im Haushalt der Eltern statt. Hier wird je nach Zielstellung mit den Eltern gearbeitet ihre gewünschten Veränderungen einzuleiten.

Durch dieses Projekt ist es zwischen den Eltern und Pädagogen zu einer angenehmen Arbeitsatmosphäre gekommen. Deutlich wurde sowohl den Eltern, als auch den PädagogenInnen, dass beide Seiten mit derselben Zielstellung für das Kind Veränderungen einleiten möchten. Das natürliche Konkurrenzdenken konnte entschärft werden. Deutlich wurde auch, dass wir von den Eltern und ihren Erfahrungen lernen konnten. Ziel ist genau diese Leistung auch in jeder anderen stationären Wohngruppe des Jugendhofes zu erschaffen.

Eltern“arbeit“ in teilstationären Prozessen

 

Die Tagesgruppenarbeit möchte zur Klärung familiärer Problemlagen, durch regelmäßige Gespräche mit den Eltern, beitragen. Gemeinsam wird an Zielen gearbeitet, die dem Kind in seiner Entwicklung weiterhelfen. Die Tagesgruppe leistet eine ergänzende Betreuung zu den erzieherischen Einflüssen, die in der Familie passieren. Im Austausch mit den Eltern steht der gemeinsame Erziehungsauftrag am Kind im Vordergrund.

Wir verstehen Tagesgruppenarbeit auch als Anregung für Eltern, Neues auszuprobieren und führen zielgerichtet gemeinsame Aktionen, wie z. B. Elternfrühstück und Familienfreizeiten durch. Darüber hinaus finden vier Eltern-Kind-Aktionen im Jahr statt. Diese Aktionen werden zum Teil auf die Jahreszeit abgestimmt, wie beispielsweise das gemeinschaftliche Grillen im Sommer.

Es wird Wert darauf gelegt, dass die Eltern mit Ihren Stärken in die Gestaltung des Tagesgruppenalltags integriert werden, wie zum Beispiel durch gemeinsames Kochen oder mit kreativen Angeboten. Die Eltern haben somit jederzeit die Möglichkeit, ein Angebot anzubieten oder zu begleiten. Besondere Feste, wie zum Beispiel Geburtstage, können gemeinschaftlich mit den Eltern ausgerichtet werden.

Das Elternfrühstück bietet die Möglichkeit in einer gemütlichen Atmosphäre einander besser kennen zu lernen und sich aber auch fern vom Alltagsstress über Gott und die Welt auszutauschen.

Die Familienfreizeit findet mit allen Familienmitgliedern statt. Hier geht es darum, als Familie gemeinsam neue Erfahrungen zu sammeln und das „Wir-Gefühl“ zu stärken. Die Fachkräfte der Tagesgruppen bieten hierfür den organisatorischen Rahmen und wirken begleitend und unterstützend auf die Familien ein. Es wird viel Wert auf ein authentisches und wertschätzendes Miteinander gelegt. Außerhalb des Tagesgruppenalltags stehen schöne gemeinschaftliche Erlebnisse im Vordergrund.

Die gemeinschaftlichen Aktionen zielen darauf ab, die Mütter und Väter in ihrer Elternrolle zu stärken und die vorhandenen Ressourcen wahrzunehmen, anzunehmen und zu erweitern.

Als besondere Intervention das Trainingswohnen auf Zeit

 

Ganze oder Teil- Familiensysteme ziehen für einen begrenzten Zeitraum von einem halben Jahr in eine Wohnung des Jugendhofes Gotteshütte. Das Trainingswohnen auf Zeit stellt eine Chance für Familien dar, die von der Herausnahme der Kinder bedroht sind. Wenn ambulante Hilfen die Familie nicht ausreichend stabilisieren konnten und das Kindeswohl gefährdet erscheint, haben die Familien in dem Trainingswohnen auf Zeit einen absichernden Rahmen, um die Verantwortung für ihre Kinder wieder zu übernehmen.

Das gesamte Familiensystem steht im Mittelpunkt der Arbeit und nicht nur der Symptomträger selbst. Gemeinsam mit den Familien werden Lösungsstrategien entwickelt, trainiert und stabilisiert. Familien arbeiten ihre Geschichte auf und sortieren sich und ihren Alltag neu. Der Umzug der Familien in die Trainingswohnungen des Jugendhofes Gotteshütte ist für die Familien ein deutliches Signal, etwas zu ändern. Die krisenhaften Bedingungen des Herkunftsortes werden zurückgelassen und ein Neustart kann gelingen.

Neben der Sichtweise, das Trainingswohnen auf Zeit als Krisenintervention zu verstehen, wird es auch als Diagnostik- und Klärungsinstrument genutzt, um langfristig zielgerichtete, stabilisierende Hilfen installieren zu können. Dadurch werden aussagekräftige Einschätzungen zur Bindungsgestaltung, dem Kindesschutz, der Erziehungsfähigkeit und ihrer Entwicklungsbereitschaft getroffen.

Durch die lösungsorientierte, wertschätzende, familienaktivierende und annehmende Grundhaltung der Fachkräfte ist es möglich, das Ressentiment der Familie aufzulösen und sie zu motivieren Hilfe anzunehmen und zu nutzen.

Wesentliche Kernpunkte der Arbeit sind das Einüben von Erziehungsverhalten, Tagesstrukturierung, Paarberatung und der Umgang mit Finanzen. Ein weiteres Element der Arbeit sind Einschätzungsaufgaben über die Ressourcen der Familie und die Gefährdung des Kindeswohls. Hiermit verbunden steht die Einschätzung einer passgenauen, stabilisierenden Nachfolgehilfe.

Rückführung

 

Rückführungen aus stationären Settings werden im Jugendhof Gotteshütte als „Normalfall“ angesehen. Damit beginnt die „Rückführung“ eines Kindes/Jugendlichen schon bei der Aufnahme. Insofern wird schon im Aufnahmeverfahren überprüft inwieweit eine Rückführung in Betracht gezogen werden kann und inwiefern die Maßnahme dazu beitragen kann. Die Elternarbeit im stationären und teilstationären Setting soll die Partizipation der Eltern ermöglichen, Veränderungen der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie verbessern und entwicklungshemmende Kreisläufe durchbrechen. Größtmögliche Partizipation, auch im Rahmen der Rückführung, der Kinder und Jugendlichen werden angestrebt.

Einzelfallbezogen findet die endgültige Rückführung in die Herkunftsfamilie in einem zugeschnittenen und individuellen Prozess statt. Passgenaue Nachfolgehilfen werden gemeinsam mit allen Beteiligten ermittelt und empfohlen.

Ausbildung der MitarbeiterInnen

 

Im Jugendhof Gotteshütte wird großen Wert darauf gelegt unsere MitarbeiterInnen regelmäßig fortzubilden. Je nach Schwerpunkt der Arbeit wird geschaut, welche Fortbildungsangebote KollegenInnen in ihrer Arbeit stärken. In regelmäßigen Abständen von ca. einem Jahr werden interne Ausbildungen zur familienaktivierenden Fachkraft vorgenommen. Hier wird auf die speziellen Anforderungen der Arbeit auch in teilstationären und stationären Settings Bezug genommen.

 
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