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Vierter Fachtag zur Stationären Betreuung ganzer Familiensysteme

 

Die Weiterentwicklung der Hilfeform der Stationären Betreuung ganzer Familiensysteme wurde im Rahmen eines Fachtags am 18.09.2014 in Porta Westfalica fortgesetzt. Mit dem nunmehr bereits zum vierten Mal gemeinsam vom Jugendhof Gotteshütte und dem Waisenstift Varel durchgeführten kollegialen Austausch gewinnt diese Veranstaltung zunehmend an Tradition und fachlicher Bedeutung.

Im Waisenstift wurden seit der erstmaligen Durchführung im Jahr 2000 mittlerweile 53 Familiensysteme im Rahmen der „Familienaktivierung in Wohnform“ begleitet. In der Gotteshütte wurde diese Hilfeform erstmalig 2009 als „Trainingswohnen auf Zeit“ angeboten, seitdem betreute die Einrichtung dort 21 Familiensysteme. Die zunehmende Etablierung und Nachfragen nach diesem Angebot führte auch dazu, dass in beiden Einrichtungen Platzzahlerweiterungen vorgenommen wurden. Einhergehend mit den Erweiterungen haben sich die fachlichen Gegebenheiten verändert - und damit auch die Fragenstellungen im Hinblick auf die gemeinsam vorgenommene Reflexion dieser Hilfeform. Der diesjährige Fachtag stand dementsprechend unter dem Motto „Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft“. Die große Anzahl der Teilnehmerinnen beider Einrichtungen sind auch ein deutliches Indiz der zunehmenden Wertigkeit.



 

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Im Rahmen themenorientierter Arbeitsgruppen wurde sich den jeweiligen Zeiträumen angenähert. In Bezug auf die bisher durchgeführten Maßnahmen (Vergangenheit) standen zunächst die Auseinandersetzung mit den Fragestellungen „was hat sich in den bisherigen Hilfeprozessen bewährt?“ und „wie lässt sich eine Wirksamkeit dieser Hilfeform feststellen und beschreiben?“ im Mittelpunkt. Dem gegenübergestellt wurde der Blick auf die gegenwärtige Praxis. Unterschiede lassen sich demnach insbesondere in veränderten Teamstrukturen und Verschiebungen in der Zuweisung auftragsbezogenen Arbeitens herleiten. Es wurde festgestellt, dass sich die persönliche Nähe zu den Familienmitgliedern ebenso verringert hat wie das „sich Zeit nehmen“ zur Reflexion der Maßnahmen und des eigenen Handelns. Demgegenüber hat sich der logistische Aufwand erhöht, auch die Teamfindung wird als schwieriger empfunden.

Durch die vorgenommenen Platzzahlerhöhungen hat sich in beiden Einrichtung als zweckmäßig, aber auch als notwendig erwiesen, dass sich innerhalb der Teams über die vormalige Auftragsbezogenheit hinaus „Expertenschaften“ gebildet haben, die nunmehr familienübergreifend ihre Kenntnisse einbringen. Fachliche Schwerpunktbildung ist mittlerweile ebenso im Bereich der Gesundheitsförderung, der heilpädagogischen Förderung oder aber in der Bearbeitung klassischer sozialarbeiterischer Aufgaben wie dem Umgang und Kontakt mit Ämtern etabliert.



 

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Im Hinblick auf die Bewertung der gegenwärtigen Bedingungen wurde erweiternd die Situation der mitarbeitenden Fachkräfte in den Blickpunkt gerückt. Dabei ging es sowohl um die Aspekte der Mitarbeiterzufriedenheit und der Arbeitsbelastung als auch um die Arbeitsbedingungen, die sich aus der Erweiterung der Angebote für die Kolleg/innen herleiten. Dies betrifft beispielsweise die Veränderung der teaminternen Kommunikationsstruktur, aber auch die Form der eigenen Beteiligung bzw. des Einbringen-Könnens eigener Ideen und Fähigkeiten.

Insgesamt wurde konstatiert, dass durch die größere Anzahl zeitglich betreuter Familien eine veränderte Dynamik entsteht. Die größeren Teams ermöglichen z.B. übergreifende Aktivitäten, themenbezogene Elterngespräche oder auch Kinderbetreuung, die darüber hinaus Kapazitäten für Einzelarbeiten schaffen. Gleichwohl können die Familien in stärkerem Ausmaß voneinander lernen, einer vormals mitunter beobachteten Vereinsamung (z.B. bei Alleinerziehenden) kann eher entgegengewirkt werden. Gleichermaßen erleben die Fachkräfte für sich selber ein erhöhtes Arbeitspensum und lediglich in Teilen „mitwachsende“ strukturelle Rahmenbedingungen wie z.B. Fahrzeugnutzung, die Ausstattung in den Häusern/Wohnungen, Arbeitsmittel wie Diensthandy oder Laptop.



 

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In Bezug auf die Gestaltung der Zukunft wurde sich mit den Fragestellungen „Welche Hürden müssen wir noch nehmen – und welche Lösungen zeichnen sich dafür ab?“, sowie „wie können wir die sich entwickelnden Ressourcen weiter nutzbringend einsetzen?" beschäftigt.

Ein besonderer Schwerpunkt bildete die Fragestellung, in welcher Form, mit welchen Methoden und mit welcher Ausrichtung diese Hilfeform evaluiert werden kann. Neben der Darlegung der Wirksamkeit und der Wirtschaftlichkeit sollte eine etwaige Evaluation konkrete Anhaltspunkte für die Weiterentwicklung des Angebots herleiten. Erörtert wurden die Möglichkeiten einer gegenseitigen Evaluation. Im Hinblick auf den Transfer von den theoretischen Überlegungen hin zur praktischen Umsetzung wurde vereinbart, die Familien zum Abschluss der Maßnahmen im Rahmen eines offenen Interviews zum Verlauf der Hilfe und zur Einschätzung auf das Erreichen der eigenen Zielstellungen zu befragen. Dafür wurde ein Interviewleitfaden entwickelt, der zukünftig in beiden Einrichtungen Verwendung finden wird.



 

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Resümierend wurde zusammengefasst, in welchen Punkten wir voneinander lernen: Verantwortung zu teilen, mehr Gelassenheit zu entwickeln bzw. zuzulassen, auch bei etwaigen Misserfolgen, auf Teamschultern verteilt lassen sich einige Situationen besser ertragen, der Blick auf die (eigenen) Ressourcen ist wichtig wird dementsprechend ständig weiter sensibilisiert.

Als Visionen wurde formuliert, dass sich die strukturellen Bedingungen verbessern bzw. angemessener darstellen, und dass verstärkt familienübergreifende Aktivitäten eingesetzt werden. Erweiternd sollte der Ausbau bzw. die Einbeziehung individuell geprägter Angebote (z.B. tiergestützte Pädagogik) in eine Maßnahmegestaltung hinsichtlich zukünftiger Überlegungen Platz haben.



 

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Weiterführende Überlegungen beschäftigen sich mit dem Gedanken, im Zusammenwirken mit der IGFH einen bundesweiten Fachtag zu initiieren. Die gemeinsame Darstellung dieser Hilfeform ist auf dem Praxistag der Universität Bielefeld im November diesen Jahres.

Themenstellungen, in denen sich weitere Entwicklungsbedarfe aufzeigen sind vornehmlich auf der Ebene der Zeit nach der Maßnahme angesiedelt. Dies betrifft beispielsweise den Umgang / Einbezug nachfolgender Hilfen ebenso wie etwaige Wohnungsanmietung bei vorgenommenen Kontextveränderungen.

Der regelmäßige fachliche Austausch zur Reflexion und Weiterentwicklung des Angebots wird als wünschenswert und notwendig gesehen und soll dementsprechend weitergeführt werden.


 
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